Erschaffung der Trauer                                    ©rainer migenda 2001

       

 

Es gibt Tage, an denen fühle ich Einsamkeit und Traurigkeit, so schmerzlich, wie sie nun einmal sind, obwohl ich doch genau weiß, wie wichtig und notwendig sie als Erfahrung und als Gefühl sind.

Als ich zu der Erkenntnis kam, dass die schmerzlichen Dinge sehr wichtige Bestandteile meines Lebens sind, hatte ich gedacht, dass diese Erkenntnis dazu führen würde, dass der Schmerz gelindert wird. Das war aber nicht so und ich begann, mich darüber zu ärgern. Dieser Schmerz, diese Hilflosigkeit, ich konnte sie mit meinen Erkenntnissen nicht vertreiben. Es kam der Tag, da zweifelte ich an meinen Erkenntnissen. „Wenn es einen Gott gibt und wenn es, wie gesagt wird, ein guter Gott ist, warum gibt er uns dann Erkenntnisse, die die Zeit nicht wert sind, die wir gebraucht haben, sie zu erlangen? Warum hat er überhaupt Einsamkeit und Trauer erschaffen?" Ich wurde richtig wütend und meine Trauer und meine Einsamkeit wurden noch größer, was mich wiederum noch wütender machte, auf diesen Gott, der scheinbar überhaupt nichts verstand! Und während ich mich meiner Trauer, meiner Einsamkeit, meiner Wut und meinem Selbstmitleid hingab, geschah etwas völlig Unerwartetes. Von einer auf die andere Sekunde zogen dicke, schwarze Regenwolken auf. Ein gewaltiger Blitz durchschnitt den Himmel und ein mächtiger Windstoß riss mich zu Boden. Gott gab mir eine kurze und knappe Antwort: „Ich habe weder deine Einsamkeit, noch deine Wut, noch dein Selbstmitleid und erst recht nicht die Trauer erschaffen!"

Als ich mich von meinem Schreck erholt hatte, blickte ich, mit offenem Mund, in einen sonnengetränkten, tiefblauen Himmel. Keine Wolken, kein Blitz, kein Donner, nur friedlicher, tiefblauer Himmel. Ich brauchte noch ein paar Minuten, bis ich mich gefasst hatte, doch dann war ich wieder voll da und spürte die Wut, die wohl immer noch da war, von meinem Magen her aufsteigen und es dauerte nicht lange, bis sie aus meinem Mund heraus überlief: „Das ist mal wieder typisch," schrie ich in blankem Zorn, „war das vielleicht eine gescheite Antwort auf meine Fragen?" Mein ganzer Körper zitterte vor Wut. „Wer war es dann? Hast du einen Deal mit dem Teufel? Habt ihr euch die Welt geteilt? Ich dachte du wärst stärker als er?!" Ich schrie, was das Zeug hielt, hatte alle anderen Gefühle vergessen. Es gab nur noch meine Wut.

Als ich mich endlich irgendwann beruhigt hatte, kam langsam die Einsamkeit wieder und die Trauer ließ auch nicht mehr lange auf sich warten. Die Wut verflachte immer mehr. Den letzten Rest davon nutze ich für den folgenden Gedanken: „Er hätte mich mal machen lassen sollen. Wenn ich die Welt erschaffen hätte, ich hätte nur Freude geschaffen, die Trauer hätte ich weggelassen."

Mit diesem Gedanken hatte sich die Wut verabschiedet und ich schlenderte langsam heimwärts. Doch so ganz ließ der Gedanke mich nicht los und ich malte mir aus, wie es wäre, wenn es keine Trauer gäbe, nur Freude. War das nicht eine fantastische Vorstellung? Es gäbe nur Jubel und höchste Freude. Na ja, sie müsste ja nicht jeden Tag höchste Freude sein. Halt mal mehr Freude und mal weniger Freude. Große Freude, kleine Freude, mittlere Freude, auf jeden Fall aber Freude. Ewige Freude..... – bis zu dem Tag, an dem ich mich über wenig Freude nicht mehr freuen würde. Woher kam dieser Gedanke plötzlich? Irgendwann würde ich wohl bedauern, das ich mich nur wenig freue, nur kleine Freude habe, wo ich doch so gerne große Freude hätte. Und eines Tages würde ich wohl die kleine Freude Trauer nennen, denn im Vergleich zu der großen Freude, passte das Wort einfach besser. Und dann wäre die Trauer plötzlich doch da, erschaffen von mir.

Es war nicht mehr weit, bis nach Hause. Das letzte bisschen Licht der Abenddämmerung versiegte und am Horizont sah ich den Mond aufgehen. Er war riesig. So groß hatte ich ihn noch nie gesehen. Sein Mondgesicht strahlte mich an. War es ein gütiges Lächeln? Oder erkannte ich da so etwas wie Ironie in seinem Blick? Ich sah ihn lange an und beobachtete seine Gesichtszüge. Er wurde kleiner, je höher er am Abendhimmel hinaufkletterte. Als eine dicke, weiße Wolke ihn einhüllte und er sein Gesicht dahinter verbarg, wandte ich mich ab und erreichte im Laufschritt meine Haustür. Ich kramte nach meinem Schlüssel und sehnte mich nach gemütlicher Ruhe in meinen vier Wänden. Die Tür sprang auf und ich dreht mich noch einmal um. Mit einem Auge schlinzte der Mond an der ihn einhüllenden Wolke vorbei. „Ok, ok, ich gebe zu, ich hätte es auch nicht besser hingekriegt. Gute Nacht." Im selben Moment blies eine kräftige Windböe die dicke Wolke beiseite und der Mond setzte das breiteste Grinsen auf, das ich je gesehen hatte.